2006 - Linde Kauert & EDITION ZWIEFACH

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Linde Kauert > Laudationes & andere Stimmen

Vitale Träume und volles Leben oder vom Malen hinter den Spiegeln

Betrachtungen zu einigen Bildern von LINDE KAUERT


Nachdenkliche Gesichter mit feinem Lächeln und geheimnisvolle, manchmal gehörnte Masken, schmale, mitunter durchsichtig scheinende Körper mit überlangen Gliedern und rätselhafte Tiergestalten bevölkern die Bildräume der Berliner Malerin. Vor intensiven Farben hat sie keine Angst, auch nicht vor manchmal schrillen Kontrasten und eigenwilligen Überlagerungen von Farbschichten oder ungewöhnlichen Formfindungen und gewagten Nachbarschaften. Manche Bilder strahlen eine unbekümmerte, jugendlich-frische Heiterkeit aus, andere einen eher lebensweisen, tiefen Ernst. Manches Motiv scheint einer Erinnerung anstoßenden Alltagswirklichkeit zu entstammen, andere evozieren rätselhafte Assoziationen von surrealistischen Traumbildern.

Kauerts Bildszenen haben auf den ersten Blick eine erzählerische Dimension, der sich jedoch im zweiten Hinsehen eine ikonografisch-symbolhafte Ebene hinzugesellt. In einem beziehungsreichen Spiel von Liniengeflechten und geformten Farben verweben und verbinden sich beide zu einer komplexen Bildstruktur. In »Schaukel«, entstanden 2oo3, entsteht die primäre Formspannung aus den Bezügen der geometrischen Formen von Mädchenkopf und –gestalt und trapezförmiger Schaukelfläche. Mit scharfem Strich, fast schneiden, durchzieht die die Schaukelaufhängung markierende Linie die Bildfläche und durchbricht das ewige Hin und Her des schaukelnden Mädchens. So entsteht ein Bild von Aufbruch und Befreiung.

Neu in ihrem Werk sind die erst kürzlich entstandenen »Spiegelungen«. Der Spiegel als Medium der Erkenntnis hat in der abendländischen Kulturgeschichte eine lange Tradition. Er findet als Symbol für Wege zur Selbsterkenntnis, die begrenzten Möglichkeiten der Wahrnehmung von Welt und Wirklichkeit und als künstlerisches Motiv und Material zur Gestaltung von Räumen seit der Antike vielseitige Verwendung in allen Künsten. In seiner Fähigkeit, die Welt abzubilden und damit über die Beschaffenheit der Welt zu reflektieren, liegt die Verlockung für alle Künstler.

In Kauerts Spiegelbildern ist der Spiegel zunächst eine strukturierende Form: eine trapezförmige Fläche, die als ästhetische Störung des Bildraumes wirkt, diesen diagonal durchschneidet und damit eine besondere Spannung auslöst, indem sie Person und Abbild zu definieren vorgibt. Doch nimmt sich die Künstlerin die (malerische) Freiheit, die geometrischen Realitätsbezüge, die der Spiegel erzwingen will, aufzulösen und eigene Spiegelbilder zu erfinden. Sie stellt damit einen Bezug zu einer außerbildlichen Wirklichkeit her – eine ganze Welt hinter dem Spiegel, auf die sie dem Betrachter einen verheißungsvollen Blick gestattet.

Berlin, im Juni 2006   Dr. Brigitte Hammer

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