2014 - Linde Kauert & EDITION ZWIEFACH

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Linde Kauert > Laudationes & andere Stimmen
Eröffnung der Ausstellung
»LINDE KAUERT – HEINZ HELLMIS: Lose und gebundene Kunst«
Kloster Chorin, Samstag, 22. November 2014, 11.00 Uhr
 
Liebe Linde Kauert, liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde, meine sehr verehrten Damen und Herren!
 
Die Ausstellung mit Gemälden, Grafiken und Buchobjekten, zu deren Eröffnung wir heute an diesem wunderbaren Ort der Künste zusammen gekommen sind, ist so vielschichtig und komplex, dass ich einige Mühe hatte, eine Gedankenlinie zu finden, die wenigstens einige der zahlreichen Aspekte darstellbar macht. Vielleicht sollte ich mit einem einfachen und klaren Satz beginnen, der es gleichwohl schon in sich hat: Zwei Literaturaffine Künstler kommen und gründen vor rund sieben Jahren einen Verlag, die Edition Zwiefach.
 

Der Name ist Programm: Die zwei kooperierenden Talente regen sich gegenseitig zu gemeinschaftlichen Projekten an, in denen die Malerin Linde Kauert die Bilder zur Literatur, zu Aphorismen, zu Gedichten und Sinnsprüchen erfindet und der Buchgestalter, Typograf und Kalligraf Heinz Hellmis die weiteren notwendigen »Gewerke« beisteuert, um die sehr besonderen Bücher, Buchobjekte, Faltblätter, Drucke und Kalender der EDITION ZWIEFACH entstehen zu lassen. Und Linde Kauert kümmert sich auch noch ständig um die erforderliche Organisation im Hintergrund wie Transporte, Werbung und Rechnungswesen, damit die anspruchsvollen und hochwertigen Ergebnisse des künstlerischen Austausches in die Welt kommen.

 
In diesen historischen Räumen können die Arbeiten der beiden Künstler und Kunstwerke der EDITION ZWIEFACH eindrucksvoll zur Wirkung kommen. Gerade an diesem Ort in der Barnimer Waldesstille werden wir angeregt, uns die fleißigen Klosterschreiber vorzustellen, die in meditativer Versenkung die von alters her überlieferten Texte wieder und wieder abschrieben und mit ihren fein gemalten Miniaturbildern und großartigen Illustrationen schmückten. Während jedoch die mittelalterlichen Künstler dem Text und seiner Vermittlung dienen wollten, sind Linde Kauerts Malwerke zu literarischen Texten und die »Schriftbilder« von Heinz Hellmis frei assoziierte Schöpfungen mit eigener Ausdrucksqualität und autonomem Anspruch, der über die Denkräume der Texte hinausweisen und ihnen eigene Dimensionen eröffnen.
 
Heinz Hellmis hat diese Ausstellung im Kloster Chorin auch im Gedenken an die historische Tradition mit großer Freude erwartet, schließlich sind europäische Klöster seit Jahrhunderten die genuinen Orte für die Ausübung der Kalligrafie, der Kunst des »Schönen Schreibens«. Umso mehr betrauern wir, dass er heute nicht bei der Eröffnung dabei ist. Er hat seine Ideen noch in die Planung einbringen können, doch nahm ihm der Tod vor drei Monaten die Feder aus der Hand. So dient die Ausstellung auch unvermittelt seinem Andenken.
 
Deshalb ist der mittlere Raum seinem Werk gewidmet und die Exponate wurden so ausgewählt, dass sie einiges von seiner Arbeitsweise offenbaren können. An der Fensterwand hängt eine Collage mit dem programmatischen Titel »Ich bin die Schrift«, in der handgeschriebenes und gedrucktes Textmaterial Elemente eines komplexen »Schrift-Bildes« darstellen. Rechts und links neben den Fenstern stehen zwei Versionen des Beethoven-Blattes auf Staffeleien: einmal als Original-Entwurf zur Herstellung der Druckvorlage mit den eigenhändigen Überarbeitungen von der Hand des Kalligrafen und einmal als fertiger Druck.
 
An der vom Fenster aus gesehenen rechten Wand hängen drei Rahmen, deren mittlerer ein Zitat von Nietzsche auf zartem Japanpapier zeigt – in einem Zug durchgeschrieben mit bis zum letzten Punkt gleichmäßig markantem und spannungsvollem Duktus. Rechts und links vom Nietzsche-Zitat können Sie ablesen, dass Heinz Hellmis nicht nur »Druckvorlagen«, sondern wirkliche Bilder gestalten wollte: im linken Rahmen hat er den ersten Entwurf mit der Empfehlung von Karl Kraus »Sage nichts was du nicht meinst« auf ein größeres Blatt geklebt und dann noch einen Farbbalken dazu gesetzt, um die Proportionen stimmiger zu machen. Im rechten Rahmen ist abzulesen, dass er mit der Papiergröße nicht ganz zurecht kam und oben und unten jeweils einen Streifen Papier angesetzt hat. Solche Verbesserungen finden sich auch auf den Original-Entwürfen für vier Blätter im Gewölberaum.
 

In der Tischvitrine in der Mitte des Raumes liegt eine große Kostbarkeit, die nur mit weißen Handschuhen berührt werden darf. Mit großer Liebe und Intensität haben beide Künstler da-ran gearbeitet: Das Unikatbuch mit einem Text von Günter Kunert. Hier hat der Kalligraf seine Handschrift direkt auf die Frischen Bilder von Linde Kauert gesetzt – mit äußerster Präzision und unter Einsatz seiner ganzen, im Laufe seines Leben eingeübten Erfahrung.

 
Man kann die Akkuratesse dieses Schriftkünstlers nur sprachlos bewundern: ohne irgendeine Hilfslinie setzt er freihändig Buchstabe für Buchstabe in die Originalbilder – ein Meisterwerk an Konzentration, Genauigkeit und Gestaltungsfähigkeit. Denn der Schriftkünstler muss ja nicht nur die Bildvorlage im Blick, sondern auch eine präzise Vorstellung vom Gesamteindruck haben, während er einen Buchstaben in der richtigen Proportion zu den Nachbarbuch-staben, sowie zu Schriftbild und Bildfläche in die frische Malfarbe fügt. Ein Arbeitsprozess der keine Korrekturen erlaubt – auch der zarteste Linienzug muss auf Anhieb »sitzen«. So wird dieses Buch zu einem eindrucksvollen und nicht wiederholbaren Manifest einer kongenialen künstlerischen Zusammenarbeit. Leider kann hier unter Glas nur die erste Doppelseite gezeigt werden – Sie können sich aber eine gedruckte Version des Buches an der Kasse zeigen lassen und zum Künstlergespräch am kommenden Sonntag werden wir auch das Unikatbuch vorführen.
 
Ein gewichtiger Programmpunkt der EDITION ZWIEFACH liegt in der Beschäftigung mit den Märchen der Gebrüder Grimm, schließlich hatten wir vor zwei Jahren den zweihundertsten Jahrestag des ersten Erscheinens der ersten Auflage dieser populären Sammlung volkstümlicher Überlieferung zu feiern. Die EDITION ZWIEFACH feierte mit und brachte neben einem immerwährenden Märchenkalender auch mehrere Faltblätter heraus, die Sie in der Vitrine im Gewölberaum in Augenschein nehmen können.
 
Gerade die Faltblätter zu den Märchenbildern lassen erkennen, eine wie wichtige Rolle die Malerei in der Zusammenarbeit der beiden Künstler einnimmt. Für jedes »Faltbuch« oder »Faltbild« wurden zwei Märchen ausgesucht und mit farbintensiven Blättern zu einem Gesamtbild kombiniert. Dabei hat die Malerin keine »Illustrationen« im eigentlichen Sinne geschaffen, sondern freie Kompositionen zu einzelnen Elementen der Erzählungen geschöpft. Im Vorraum vor dem Gewölberaum finden Sie ein paar Märchenbilder ohne den Textzusammenhang und können daran ablesen, dass diese Bilder auch eine Bildwirklichkeit darstellen, die unabhängig von den uns allen aus der Kindheit bekannten Texten existieren kann.
 
Auch eine Reihe von anderen Literaturformen haben Impulse zu Bild-Text-Kombinationen gegeben, die als Reihe von Original-Arbeiten hier im großen Raum der Ausstellung hängen, aber auch als hochwertige Drucke erhältlich sind. Mein persönlicher Favorit dieser Werkreihe ist die Arbeit zu Voltaires beherzigenswertem Spruch: »Da es der Gesundheit förderlich ist, habe ich beschlossen glücklich zu sein«. Sie finden das erwähnte Bild auf der Staffelei an der Fensterseite dieses Ausstellungsraumes, in dem die Bilder von Linde Kauert dominieren.
 
Drei Bilder an der Hauswand dieses Raumes sind alle im Jahr 2o12 entstanden und bilden markante Beispiele aus dem Werk der Malerin. Das mittlere Bild mit dem Titel »Nach der Macht« steht in Zusammenhang mit den autobiografischen Erzählungen von Helga M. Novak, einer von der Künstlerin sehr geschätzten Autorin. Links daneben hängt die »Artistische Reise“ mit einem heiteren Figurenreigen, bei dem sich die einzelnen Gestalten trotz gewagter Balanceakte als sich aneinander schmiegende und ineinander verschlungene Wesen zu einem stabilen Gleichgewicht und harmonischen Miteinander zusammen tanzen.
 
Das rechte Bild mit dem Titel »Alles auf meinem Rücken« ist dagegen voller Spannung und Dramatik und wird von einem leuchtend türkisgrünen Bildgrund dominiert. Im Vordergrund der linken Bildhälfte beugt sich uns eine Frauengestalt im weißen Kleid entgegen, auf deren recht stabilen Rücken sich kleine Wesen tummeln. Eine Leiter führt zum oberen Bildrand. Auf ihr turnt eine kleine weibliche Gestalt im roten Kleid, die in ihrer rechten Hand ein weißes Band schwingt, das sich in einem großen Bogen zur rechten Bildhälfte schlängelt und eine Verbindung zu einem Fabelwesen mit Widderkopf herstellt. Dabei sehen wir das Fabelwesen im Profil von links. Es schaut freundlich, aber mit stoischer Ruhe und eher unbewegt auf das Gewusel in der anderen Bildhälfte.
 
Diese Ambivalenz zwischen dramatischen Figurenkonstellationen und ruhiger Ausstrahlung durch komplementäre Farbklänge charakterisieren die malerischen Kompositionen von Linde Kauert. Auch ihre Art, die Bildzonen als Bereiche mit unruhigem Pinselduktus, Fließspuren und durchsichtig lasierenden Farbschichten zu organisieren und diese mit durchsichtigen, aber in sich vibrierenden Farbflächen zu beruhigen, lassen sich gerade an diesen drei großen Bildern gut beobachten.
 
Vieles wäre noch zu den beiden Künstlern und ihrer Edition zu sagen. Ich hoffe, mit diesen Anregungen Ihr Interesse geweckt zu haben. Wenn Sie am kommenden ersten Adventssonn-tag zu unserer Lesung mit Texten von Eva und Erwin Strittmatter kommen, werden wir einzelne Aspekte in dem anschließenden Künstlergespräch noch vertiefen können.
 
Ich danke Ihnen fürs Zuhören und wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Betrachten der losen und gebundenen Kunst von Linde Kauert und Heinz Hellmis und wünsche uns allen noch ein schönes Novemberwochenende.
 
Berlin, den 22. November 2014                                                                            Dr. Brigitte Hammer 
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