Presse & Andere - Linde Kauert & EDITION ZWIEFACH

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Ausgewählte Presse & Andere Stimmen


Donnerstag, 27. November 2014
Märkische Onlinezeitung

Erinnerung an verstorbenen Kalligrafen 

Chorin (wei) Kunst, die weit über Buchillustration hinausgeht, hat Linde Kauert von der Edition Zwiefach geschaffen. Im Kloster Chorin ist bis zum 23. Februar eine Auswahl ihrer Werke zu sehen, zusammen mit Kalligrafien von Heinz Hellmis. Bei der Eröffnung von "Seitenweise lose und gebundene Kunst" gedachte Linde Kauert ihres verstorbenen Partners.










Hinrich Beermann spielt
zur Ausstellungseröffnung.
Das Bild im Hintergrund
entstand nach Musik.

© Andrea Weil

"Niemand stirbt, bevor nicht seine Stunde schlägt." Heinz Hellmis war nicht ganz zufrieden mit der Art, wie er dieses Zitat von Michel de Montaigne auf Papier gebracht hatte. Mit der Schere hat er ein Wort ausgeschnitten und einen anderen Tuscheschriftzug eingefügt, das ist in dem Bilderrahmen deutlich zu erkennen. "Heinz war ein alter Meister, der alles mit der Hand gemacht hat", erzählt Linde Kauert.

Das Konzept für die Ausstellung haben die beiden noch gemeinsam entworfen, ihre Vernissage erlebte der 79-Jährige nicht mehr. Die Bilderserie, die Linde Kauert nach seinem Tod im August geschaffen hat, fällt inmitten der farbenfrohen, großformatigen Malereien sofort auf: Schlichte Schwarz-Weiß-Zeichnungen von einem Huhn im Trauerschleier, vom Sensenmann, von Trauer und zugleich schöner Erinnerung geprägt.

"Der Tod nahm ihm die Feder aus der Hand", sagt Kunsthistorikerin Brigitte Hammer in ihrer Laudatio zur Ausstellungseröffnung und würdigt das Lebenswerk des Mannes, der 40 Jahre lang künstlerischer Leiter des Berliner Aufbau-Verlags war: "Heinz Hellmis wollte nicht nur "Druckvorlagen', sondern wirkliche Bilder gestalten."

In Zusammenarbeit mit Linde Kauert sind so in der Edition Zwiefach wertvolle Unikate entstanden. Eines davon, mit Texten von Günter Kunert, kann der Betrachter nur durch das Glas einer Vitrine bewundern. Zu besonderen Anlässen, wie dem Künstlergespräch am ersten Adventssonntag ab 14 Uhr, wird es hervorgeholt. Andere dürfen und sollen durchgeblättert werden, wie der Kalender mit eher unbekannten Märchen der Brüder Grimm.

Wie sich die verschiedenen Künste gegenseitig befruchten, drückt bereits die Vernissage aus: Musiker Hinrich Beermann, inspiriert von Texten des römischen Dichters Ovid, entlockt seinem Saxofon in Eigenkompositionen nie gehörte Töne, vor der Kulisse von Bildern, die Linde Kauert nach Musik malte.

Sonst lässt sich die Künstlerin seit 2004 hauptsächlich von Aphorismen von Gandhi bis Eva Strittmatter und Büchern anregen. Dabei sind ihre Motive keine Illustration, sondern drücken mehr das Gefühl der Textstelle aus. Ihre Figuren verschmelzen mit dem farbigen Hintergrund und miteinander, sind vielschichtige Schimären aus Mensch, Tier und Fabelwesen.

Auch der Ort der Ausstellung ist mit Bedacht gewählt: Brigitte Hammer erinnert an die Mönche, die einst im Kloster Chorin von Hand Texte abschrieben und mit Miniaturzeichnungen versahen. Sogar aus Halle sind Fans der Edition Zwiefach angereist, die die beiden Künstler von der Leipziger Buchmesse kannten.

"Ich habe jeden Text oft gelesen, doch zum Malen lege ich ihn weg", beschreibt Linde Kauert, wie ihre Werke zustande kommen. Sie malt auf Büttenpapier mit lebendigen Farbhintergründen. Einen festen Plan für die Komposition hat sie nie.

Frau Frieda Frädrich schrieb am 08.04.2014
Liebe Fr. Kauert, ich habe auf der Leipziger Buchmesse »ROLLITAUN« bei Ihnen gekauft und sie hatten mich gebeten, Ihnen kurz zu berichten, was ich von dem Buch halte.
Ich liebe dieses Buch. Es ist eins von denen, die ich immer wieder mal zur Hand nehme, um mich daran zu erfreuen. Die Geschichten sind so ehrlich und tief, so fröhlich und optimistisch (s. Titel, naja, man kann nicht alles haben…), einfach, weil die Autorin die Dinge so nimmt, wie sie sind. Manu Tiefenbeck gefällt mir z.B. so gut, weil ich selber relativ klein bin. Ich werde dieses Buch einer Freundin (Germanistin) geben und sie ebenfalls um ein kurzes feedback an Sie bitten.
Bitte unbedingt weiter machen und diese Wortkünstlerin fördern.
Bis spätestens nächstes Jahr in Leipzig.
Viele liebe Grüße Frieda Frädrich

Dunja Welke Kulturradio des RBB in der Sendung „Märkische Wandlungen"
Sendung vom 13.12.2011

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Erschienen in: F.F.dabei, Heft 19/2011

Texte einer Zweiflerin

Waltraud Heinze
Sie atmet die Welt ein und als Töne wieder aus – die Berliner Liedermacherin Barbara Thalheim. In ihrem Buch kann man ihr beim künstlerischen Schaffen einen Moment über die Schulter blicken
Wer Barbara Thalheims Konzerte liebt, reibt sich genussvoll nicht nur an ihren Liedern, sondern ebenso an den pointierten Geschichten, die sie dazwischen streut wie kleine Perlen. Und wie sie erzählt – zupackend, zugespitzt, burlesk oder bitter, so kann sie auch schreiben. 2ooo erschien mit „Mugge“ ihr erstes Prosawerk, auf ihrer Homepage beeindruckt sie regelmäßig mit Reisereportagen und auch die jüngste Veröffentlichung „Vorm Tod ist alles Leben“ von, mit und über die Sängerin spiegelt dieses weitere ihrer Talente.
Der Grafiker Heinz Hellmis hat Songtexte aus den letzten zehn Jahren mit den prägnanten poesievollen Kurzgeschichten der Thalheim über Kindheit, den geliebten Vater oder die Sehnsuchts-Insel Hiddensee gemischt, Noten und Pressenotizen dazu gestellt und typografisch liebevoll gestaltet. Mit Bildern von Linde Kauert, die den Text aufnehmen und erweitern, mit augenfreundlicher Schrift, in englischer Broschur und einem wunderschönen Umschlag. Ein bibliophiles Kleinod und ein Sesam-öffne-Dich direkt ins weite Herz der großen Chansonnette. „Es ist nicht so, dass man Lieder singt, weil man Menschen damit beglücken will, sondern weil man ein dringendes Bedürfnis hat, sich selber die Welt zu
erklären“, wird Barbara T. zitiert im Buch, und es scheint genau aus diesem Grund entstanden zu sein.
Sie ist ein Mensch, der keine Oberfläche kennt, der immer hinter die Dinge schaut. Ihr Beruf, so sagt sie selbst, ist das Zweifeln, ihre Berufung, dagegen anzukämpfen. Die Lust, das schreibend zu tun, ist noch jung und man kann sie nur ermutigen, weiterzumachen.
Den „Freunden, Mitdenkern, Helfern und Streitgefährten Jean Pacalet, Michael Wüstefeld, Leo Kettler und Regina Scheer“ hat Barbara Thalheim im Februar 2o11 dieses besondere Buch gewidmet. Keine fünf Monate später, am 7. Juli, ist der französische Musiker Jean Pacalet, dieser Zauberer am Akkordeon, über 17 Jahre lang „Zwillingsbruder“ und Begleiter von Barbara Thalheim, gestorben. Den Buchtitel, manchen Text über den Tod und vor allem eine handschriftliche, in Französisch geschriebene Liebeserklärung Pacalets an die Gefährtin und Kollegin auf Seite 57 liest man plötzlich mit einem Kloß im Hals.


Doris Gercke Dichterin, Romanautorin und Krimiautorin (31. März 2011)


Liebe Barbara, Du hast uns ein wunderbares Buch geschenkt und damit eine große Freude bereitet! Ich hab selten eine so anrührende Mischung aus Traurigkeit und Glück und Verzweiflung und Sucht nach Leben in den Händen gehabt. Dazu kommt, dass die Bilder und die ganze Gestaltung der Sache wunderbar angemessen sind. Da ist Dir und allen, die daran beteiligt waren, ein großer Wurf gelungen! Ich hab einen ganzen Nachmittag damit verbracht und es gibt Teile, die ich wieder lesen werde, wenn ich sie brauche.Jetzt wird es allerdings erst einmal in die Abteilung "schöne Bücher" eingeordnet. Dort wird es einen herausragenden Platz einnehmen!


Herzlich: Doris Gercke

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Deutschlandradio Kultur
Radiofeuilleton/Kritik am 15.2.10 um 10:33 Uhr


Deutschlandradio Kultur

Carola Wiemers

Kippfigur, Ein Kiebitzbuch über die Schulter von Richard Pietraß geschaut, mit seinen schönsten Gedichten, Fotos, Vorsätzen, Schmierzetteln und Klierbettl, Tanz auf des Bessers Schneide, mit sieben farbigen Bildern von Linde Kauert, Edition Zwiefach Berlin 2009, 68 Seiten, 20 Euro.

Mit „Kippfigur“ legt die Berliner Edition Zwiefach eine Hommage für den Lyriker Richard Pietraß in Buchform vor, mit der sich auch der Leser beschenkt fühlt. Auf sinnliche Weise erfährt er vom Treiben eines Dichters, der Illusionist und solider Handwerker ist. Ihm wird „über die Schulter geschaut“, wie es im Untertitel heißt. Zu lesen und zu betrachten sind Gedichte - handgeschrieben, mit Korrekturen versehen und in Druckversion -, Ausschnitte aus Gesprächen und Reden, Grafiken und Fotos.
Der Buchtitel „Kippfigur“ ist als Motto zu verstehen. Denn Pietraß ist ein Spieler. Ein Artist auf freier Wanderschaft, der aus dem Klang einer Buchstabenfolge neue Verbindungen und damit immer neue Resonanzböden schafft. Im Gespräch mit Jürgen Engler bezeichnet er sich als „Traumwandler“ und „Instinktwesen“, das von seinen lyrischen Entdeckungen überrascht wird und „zögert, ihnen den gesetzlich schützenden Patenthut aufzusetzen“.
Die ausgewählten 53 Gedichte sind zwischen 1972 und 2009 entstanden. Damit ist rein numerisch ein
Dichterleben umrissen. In der vorliegenden Abfolge haben sie ihre Chronologie jedoch eingebüßt. Pietraß mischt sie ohne Respekt. Steht ihnen nicht bei. Er vertraut seinen lyrischen Gebilden und damit sich selbst.

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ND vom 07. Januar 2010

ZAUBERBLICK

Von Irmtraud Gutschke

Dass Literatur oft aus Literatur entsteht und nicht nur aus selbst Erfahrenem – man weiß es. Und doch ist es verwunderlich, konkret zu erleben, wie sich in einem Werk ein anderes verwurzelt, das ohne diesen Nährboden nicht wachsen könnte, wie es zu einem eigenen Wesen wird.

"Als Eva 8 war“ von Günther H. W. Preuße handelt nicht von irgendeinem Kind, sondern von Eva Strittmatter, deren Gedichte und Prosatexte der Autor in einem Maße verinnerlicht hat, dass es scheint, er würde über seine eigenen Erinnerungen sprechen. Kurios ist es für mich, Details aus meinen Gesprächen zum Band „Eva Strittmatter, Leib und Leben“ wiederzufinden: das Buch im Puppenwagen, die Quastenschnur neben Großmutters Bett, das glückliche Liegen mit aufgeschlagenem Knie, das Bootshaus der Familie des „Malermeisters“ gegenüber – ich denke doch, es ist ein Maurermeister gewesen – das grüne Dämmerlicht, der Teergeruch. Auch Gedichtzeilen kommen mir beim Lesen in den Sinn: „Ruhlos macht mich der Rittersporn./ Blau: so fällt Liebe./ Rotsteigt der Zorn.“  Oder: „Lupinenblau – so war doch was/ In meiner Kindheit. War es Glas?“ Und noch viele andere klingen an, werden von Günther H. W. Preuße auf eine so eigene Art verwoben, dass es ganz und gar sein Buch ist, seine gültige  Lebensdeutung, die aus seiner Gabe zur Einfühlung und seiner eigenen Sprachkraft entstand. Linde Kauert hat die Bilder dazu gemalt: eine Achtjährige, umgeben von Fantasiegestalten. Nicht nur ihre Träume sehe ich darin, sondern auch das, was aus  Vergangenheit und Zukunft auf sie kommt, was außerhalb ihres Einflusses erwächst, wogegen sie sich behaupten, was sie auch irgendwie in ihr Dasein integrieren muss. Dinge, von denen das Mädchen noch nicht weiß-, der kundige Leser bezieht sie  in die Lektüre ein. So vervielfacht sich der „Zauberblick“, den der Autor bei der kleinen Eva ausmacht, als sie aus den verwitterten Mienen der Großeltern plötzlich deren Kindergesichter hervorschauen sieht.
Günther H. W. Preuße gelang das bei Eva Strittmatter, und der Leser mag es bei sich und anderen versuchen. Wenn wir „das himmelblaue Wägelchen Erinnerung“ besteigen, handelt das Buch insofern eben doch nicht nur von einer Person,  sondern von vielen möglichen. „Rolle rückwärts zu den versunkenen Kindheitsgärten“, als wir Stöckchen an Zaunslatten entlangknattern ließen, vor Freude hüpften, uns von hohen Bäumen behütet fühlten –  dazu verhilft es uns.
Ein Geschenk des Autors Günther H. W. Preuße, der Malerin Linde Kauert und des Buchgestalters Heinz Hellmis zum 80. Geburtstag Eva Strittmatters im Februar 2010. Es ist wirklich ein Geschenk, weil es ein großes Glück ist, von einem anderen  Menschen aus sich selbst heraus erkannt zu werden. Eigentlich sind Menschen ja dazu fähig, kluge zumal, aber es gelingt nicht häufig. Meist verkennen sie einander. Ob es am Drang zur Selbstbehauptung liegt?
Das Verbindende zu erspüren, stärkt indes auch die eigene Seele. So wie Günther H. W. Preuße den Besuch der kleinen Eva bei ihrer Nenntante Luise beschreibt: „Noch unzerschrammt, warm und hautglatt die Kleine mit den rockumwirbelten  Knien…zerfurcht und farblos schon die Alte. Tief im Innern aber jede – ein immerwährendes Mädchen, nach Gutsein dürstend.“

Günther H. W. Preuße. „Als Eva 8 war“. Kaleidoskop einer Kindheit in acht Textbildern und farbigen Illustrationen von Linde Kauert. Edition ZWIEFACH. 40S.,geb., 18,00 Euro


Gransee-Zeitung, 07.12.2009

Fackelträger
von Sabine Slatosch

„Gute Dichtung braucht solche, die die Fackel weiter tragen“, zitierte der Biograph, Autor und Herausgeber Günther H.W. Preuße den Verleger Heinz Hellmis. Im Künstlerhof Roofensee in Menz ließ am Freitagabend die Edition Zwiefach gleich vielfach die Flamme der Literatur brennen.
„Bilder zur Literatur“ der Malerin und Verlegerin Linde Kauert fingen im Hintergrund die Blicke der vielen Gäste. „Ich mach ein Lied aus Stille“ – mit diesem eingespielten Chanson von Manfred Schmitz nach einem Text von Eva Strittmatter, gesungen von Susanne Kliemsch, begann eine literarische Reise in das Haus Strittmatter. Die Literatur von Eva Strittmatter habe ihn ein Leben lang begleitet, so Preuße. Diese Lesung sei für ihn eine Reminiszenz an Schulzenhof.
Preuße las als Gast des Verlages Texte von Erwin Strittmatter aus der Zwiefach-Publikation „Für meine Schulzenhoffreunde“. Kleinode wie „Der Tod meiner Fliege“, Gedichte und Tagebuchaufzeichnungen beschrieben die Arbeit des Schriftstellers am Roman, Alltag und Natur, aber auch das politische Umfeld in der DDR. „Man muss ausbrechen, wenn man es ehrlich mit der Menschheit, der Kunst und mit sich selbst meint“, schrieb er 1976.
In die Schwere unendlicher Gefühle und Gedanken über alles, was Leben sein kann und für sie ist, eingebettet war die Lyrik von Eva Strittmatter. Linde Kauert las bekannte und unbekannte Gedichte aus „Seele seltsames Gewächs“, erschienen in der Edition Zwiefach. Erinnerungen über vier Jahrzehnte mit Erwin in Schulzenhof - „wie war dieses Leben“, Rückkehr zum „Anbeginn“ mit dem Wagnis zum Schreiben, die Mühen der Tage – „Leben ist immer eine Kraftprobe“.
Eva und Erwin saßen nebeneinander, ein jeder in seinem Tun und in seinem Geist. Doch spiegelten die abwechselnd gelesenen Texte – Kauert still und nachdenklich, Preuße offensiv und humorvoll - zwei Teile eines Ganzen wie Kristalle.
Nach einem „Strittmatterschen Absacker“ (Erwin) über die Schlaflosigkeit eines Literaten, der ausdrücklich vom berührten wie begeisterten Publikum erwünscht war, legte sich die Musik von Manfred Schmitz wie eine Membran über das gelesene Leben von Schulzenhof: „Ich schreibe in einer einfachen Sache, Geburt und Tod und einer Zwischenzeit, das wird zu einer Ewigkeit durch unser Eingehen in anderer Erleben“ von Eva Strittmatter sang Susanne Kliemsch.
Alle von der Edition Zwiefach publizierten Werke mit Bildern von Linde Kauert waren und sind im Künstlerhof Roofensee zu erwerben. Dazu gehört auch „Als Eva acht war“, ein Kaleidoskop in acht Textbildern von Günther H.W. Preuße. Ein fiktives Mädchen führt den Leser durch die Zeit des Klein-Seins. Es habe ihn das Werk von Eva Strittmatter zu diesem Buch inspiriert, so der Autor. Ihr sei es gewidmet zum zehnten Jahr der Wiederkehr des Tages, als Eva acht war.

Gransee-Zeitung, 25.10.2009

Linde Kauert - Im Wandel der Sprachen
von Sabine Slatosch

Wer sich zu einem Besuch der aktuellen Ausstellung im Künstlerhof am Roofensee in Menz entschließt, sollte viel Zeit mitbringen - und Lust auf ein spannendes Kaleidoskop von Sprachen aus Wort und Bild. Sie reichen sich dort die Hände, erzählen geheimnisvolle Geschichten, und finden schließlich in einem Dritten, nämlich im Buch zueinander.
„Bilder zur Literatur“ auf Leinwand oder Papier zeigt Linde Kauert seit Sonntag. Mit Intensiven Farben beschreibt sie die Figuren im Bildraum, die sanftmütig bis kratzbürstig, fröhlich, traurig oder hilflos suchend sind. Die Künstlerin lässt sie erzählen, geht leichtfüßig wie respektvoll ihren Weg nach bis sie am Dreh- und Angelpunkt ihrer Geschichte, dort, wo die Spannung am größten ist, angelangt sind. Die Titel der Bilder verweisen auf Gedichte, Fabeln, Romane wie „Der Mantel“ von Gogol oder „In der Gegend des Paradieses“ von Kurt Schwitters.
Für den Besucher sind es nur wenige Schritte zum Buch. In der Mitte des Ausstellungsraumes sind Literatur und Malerei vereint zu meisterlich gestalteten Gesamtkunstwerken, die mit Muße zu betrachten, zu lesen und auch zu erwerben sind. Das taten die Gäste der Vernissage ausgiebig, schlenderten auf den Pfaden von Typographie und Graphik zu Texten und Bildern. Diesen schönen Weg hat einfühlsam und gut durchdacht ein Meister der Buchgestaltung, Heinz Hellmis, bereitet.
Linde Kauert und Heinz Hellmis gründeten 2007 die EDITION ZWIEFACH. „Wir haben uns dem schön gestalteten Buch verschrieben“, sagt die Malerin, „und ich bin total froh, dass ich das gewagt habe“. Mit den Büchern der Edition setzt auch die Bilder-Ausstellung Akzente. Das Kiebitzbuch „Kippfigur“ des diesjährigen ver.di Literaturpreisträgers Richard Pietraß etwa liegt vor den sieben Originalen der Künstlerin zu seinen Gedichten. Ebenso sind die Bilder zu bekannten und unbekannten Gedichten von Eva Strittmatter ausgestellt. Beeindruckend ist das Künstlerbuch „Momente“ – exemplarisch für die Verschmelzung von Literatur, Bildnerei und Buchgestaltung.
Die Laudatio sprach Klaus Bothe. Die Werke sind bis in den Januar hinein zu sehen. Am 14.11.2009 liest Richard Pietraß aus seinem Lyrikband. Am 04.12. lesen Linde Kauert und Günther H.W. Preuße Texte von Eva und Erwin Strittmatter.

FREIE PRESSE Chemnitz Freitag, 25. September 2009

Keine Geheimmagie
Gedichte von Eva Strittmatter


Im kommenden Februar wird sie 80 Jahre alt: Eva Strittmatter – eine der erfolgreichsten Lyrikerinnen der Gegenwart. In der Edition ZWIEFACH sind unter dem Titel »Seele seltsames Gewächs« bereits bekannte und noch unveröffentlichte Gedichte der Autorin erschienen. Linde Kauert hat zu sieben Gedichten mehrfarbige Bilder gemalt. »Natürlich könnte ich / Auch komplizierter schreiben / Und könnte Dichtung als Geheimmagie betreiben…« - so hat Eva Strittmatter über ihr Schreiben formuliert. Und weil sie eben ganz und gar nicht verklausuliert ihre Gedanken, Gefühle, Hoffnungen, Zweifel und Nöte zum Ausdruck bringt, erreicht sie Millionen von Lesern. Die finden sich in den Zeilen der Schulzenhofer Dichterin wieder, finden in Worte gefasst, was sie selbst berührt, bedrückt, erfreut. Der wunderbar gestaltete Gedichtband enthält zusätzlich eine Vielzahl von Anmerkungen Eva Strittmatters. (UT)

siehe auch


Stollberger Zeitung, September 2009

Eine Stütze für das schwächere Bein

von Ronny Schilder


Schkeuditzer Bote, Juli 2009

Abseits vom Stadtfesttrubel: Buch-Kunst

von Wolfgang Danigel

Die Stadtbibliothek hielt zum Stadtfest ein ganz besonderes Bonbon bereit: einen Mix aus Malerei und Buchlesung. »Hauptperson« der Veranstaltung war die Berlinerin Linde Kauert. Sie betreibt gemeinsam mit dem renommierten Buchgestalter Heinz Hellmis , der ebenfalls anwesend war, die Edition ZWIEFACH: Dieser vor zwei Jahren gegründete Verlag hat sich dem besonderen Buch verschrieben. Er versteht seine Produkte als »Pressendrucke für Kunstfreunde und Sammler bibliophiler Druckerzeugnisse und für alle Menschen, die schön gestaltete Bücher lieben«. Zu den schön gestalteten Publikationen gehören entsprechende Illustrationen, gemalt von Linde Kauert. Sie hatte eine Auswahl mit nach Schkeuditz gebracht. Unter dem Motto »Bilder zur Literatur« war zauberhafte Acryl-Malerei zu sehen. Ein wesentlicher Teil entstand zu Gedichten von Eva Strittmatter, der Trägerin des diesjährigen verdi.- Literaturpreises Berlin-Brandenburg.
Zur Ausstellungseröffnung sprach der Schriftsteller Günther H.W. Preuße einführende Worte. Zu den Arbeiten der Malerin, sagte er, sie seien ein Beispiel, wie aus Geschriebenem Empfundenes werde. Es lag nahe, dass bei so viel Kompetenz eine Buchlesung nicht fehlen durfte. Passend zur Ausstellung trugen Linde Kauert und Günther Preuße Texte von Eva und Erwin Strittmatter vor. Dazu hatten sie Passagen aus »Für meine Schulzenhof-Freunde« und »Seele seltsames Gewächs« (beides Publikationen der Edition ZWIEFACH) ausgewählt.
Das Publikum im vollbesetzten Lesesaal erlebte eine wunderbare Stunde mit Gedichten und Geschichten – mal heiter, mal besinnlich. Dafür gab es viel Applaus.
Anschließend mag sich der eine oder die andere gedacht haben: Greif doch wieder mal zu einem Buch! Das konnte gleich an Ort und Stelle erledigt werden, denn auf einem Tisch luden Bücher der Edition ZWIEFACH zum Blättern und zum Kauf ein.

Neues Deutschland Ende Juli 2008

Ein Lied aus Stille

von Irmtraud Gutschke


Dieses Buch will eigentlich gar nicht beredet sein. Es will, dass man es wieder und wieder durchblättert, allein. Dass man darin liest, wieder und wieder, am besten im Freien, und dabei vielleicht mal aufschaut, bemerkt, wie hoch oben Wolken ziehen und man selbst nur ein Pünktchen ist in der Landschaft. Erstaunlich eigentlich: So ein Pünktchen sagt »Ich« und ist sich doch selbst ein Rätsel von Anbeginn bis Ende.
Anbeginn? Ende? Damit fangen schon viele Fragen an. Eva und Erwin Strittmatter würden wahrscheinlich in manchem verschiedene Antworten haben, wie es sich ja überhaupt bei ihnen um zwei verbundene und auch eigenständige Künstlerpersönlichkeiten handelt, zwei Liebende, die es gut und schwer hatten miteinander. Doch dazu später mehr in dem Gesprächsbuch »Eva Strittmatter. Leib und Leben«, das im November erscheinen soll.
Die Idee für den jetzt vorliegenden Band wurde geboren, als Eva Strittmatter im vorigen Jahr im Krankenhaus lag. Heinz Hellmis, einst Ausstattungsleiter im Aufbau-Verlag, dann Mitbegründer von Edition ZWIEFACH, wollte ihr, wie er in einer Nachbemerkung sagt, »zu schönen Erinnerungen« verhelfen. Diese Güte, dieses Mitfühlen ist dem Buch anzumerken. Eine große Leistung von Heinz Hellmis. »Buchgestaltung« ist hier als Herausgeberschaft zu verstehen. Und die Freude wird weitergegeben: Eva Strittmatter hat den Band ihren »Schulzenhof-Freunden« gewidmet. Damit sind nicht nur die Adressaten ihrer Rundbriefe gemeint.
Fotos aus Schulzenhof von Heinz Hellmis, Henry Thetmeyer und Edith Rimkus, Zeichnungen von Linde Kauert, Aquarelle von Marianne Gábor, Holzschnitte von Arno Moor – es wäre durchaus möglich gewesen, den vielen eindrucksvollen Bildern die Texte nur beizuordnen. Das ist hier nicht geschehen. Der Leser bekommt nicht bloß passende Zitate zu den Abbildungen serviert, sondern eine – natürlich kleine – Auswahl aus den Werken von Eva und Erwin Strittmatter, für die das Urteil »wohlbedacht« eine Untertreibung wäre.
Eine exzellente Zusammenstellung: Von ihr Gedichte, die weltliterarische Gültigkeit haben, und von ihm Textauszüge, die ihn als Menschen hervortreten lassen – das Zauberhafte seiner Einfälle und Formulierungen, sein Ringen um eine poetische Existenz. Er, um den es gerade jetzt so manchen Lärm gibt, tritt uns in diesem Buch ganz ruhig entgegen, sicher. Ein nachdenklicher Mensch, der in Aufrichtigkeit und Frieden leben wollte.
»Die Räume haben Frieden./ Die Tage gehn ein und aus./ Für eine friedliche Seele/ Wär das ein friedliches Haus«, so heißt es in Eva Strittmatters Gedicht »Haus«. Der Kraftakt des Menschlichen als poetischer Vorgang und umgekehrt. Sie hat immer wieder »ein Lied aus Stille« gemacht. Das Gedicht, das ihrem ersten Band den Namen gab, findet sich hier neben späteren Texten, zwei davon in ihrer Handschrift abgedruckt.
»Gekannt werden, wie man wirklich ist, sich selbst bekennen, wie man sich wandelt – man ist ja nicht, man wird durchschnitten von Lebenslinien«, das ist ihr ein Antrieb zum Schreiben.
Und: »das Flüchtige aller Erscheinungen zu bannen, dem Vergessen zu entreißen, was als Glanz in uns aufscheint…«
»Der einsame Hof. Die zwei Islandpferde.« - Und die »Sehnsuchtsfarbe Lerchenblau«. Vielleicht kennt sie jeder irgendwie, sollte sie kennen und nicht vergessen mit dem Älterwerden. »Seele seltsames Gewächs./ Gegenblüte zum welkenden Leib./ Die ich zerfallenden Zellen enttreib./ Duftender als die persischste Rose…«
Eine besinnliche Stimmung wird beim Betrachten dieses Buches über den Leser kommen. In den
Texten und auch zwischen ihnen werden sich Wege auftun. Man wird in Bewegung gesetzt.

Märkische Allgemeine Zeitung, Dienstag, 10.Februar 2009

Meisterung der Kükenkrise

von Marlies Schnaibel

Manchmal hängt Stefan Kahlbow in seinem Beruf als Bildungsreferent an den Nagel, dann referiert er auf ganz andere Art und Weise. mit Ironie und Wortwitz nähert er sich nun seinem Thema. In der Edition ZWIEFACH ist seine kleine Schrift »Die gagamanische Kükenkrise oder Die historische Wahrheit über die Herkunft des kutischen Rituals der Hühnergötter« erschienen.
Der in Spandau lebende Stefan Kahlbow hat seine Materie in die Form eines Forschungsberichtes gepackt. Bis heute hätten Anthropologen, Paläontologen und sonstige Damals-war´s-Forscher das Phänomen der gagamanischen Kükenkrise nur unzureichend erklärt, aber genau darin liegt das heutige Ritual des Hühnergottsuchens von Ostseeurlaubern begründet. Stefan Kahlbow schließt diese Forschungslücke, führt den Leser in seinem glossenhaften Text in die graue Vorzeit der Primaten, die sich an der Ostsee, jener kühlen Abschmelzpfütze der Eiszeit angesiedelt hatten. Dieses Volk der intellektuell unterkühlten Gagamanen hatte als einzige Kulturleistung die Domestizierung der Hühner aufzuweisen. Dort kommt es zu einer Kükenkrise, als Hähne in den Sex-Streik gehen. Kahlbow personifliert darin Erscheinungen der Popwelt, zeigt die Hähne als bedrängte Wesen, denen Hühner mit Rufen wie »Nimm mich« oder »Ich will ein Küken von dir« zusetzen.
Das liest sich alles leicht und locker, nicht immer hält der Autor seine gewählte Stilebene ein, schwankt zwischen Forschungsberichtsdeutsch und Straßenjargon. Am Ende ergibt sich aber ein netter Lesespaß, der durch den Verlag zudem optisch appetitlich angerichtet wurde. Linde Kauert fertigte sechs farbige Illustrationen zu dem Buch, Heinz Hellmis entwickelte ein witziges Layout. Zu dem gehört die Aufmachung des Büchleins selbst: in chinesischer Blockbuchheftung, mit einem Loch und einer Schnur zum
Um-den-Hals-Hängen. Als Mitbringsel oder zur Selbsterheiterung bestens geeignet.

Neues Deutschland Donnerstag, 26. März 2009

»Seele seltsames Gewächs«
von Irmtraud Gutschke

Nixe, Meerjungfrau? Oder ist der kräftig grüne Hintergrund auf diesem Bild doch nicht der Ozean, sondern eine grüne Wiese? In leuchtendem Rot und Orange hat Linde Kauert ein Wesen gemalt, das nicht ganz von dieser Welt, aber unverkennbar weiblich ist. Der Kopfputz sagt: Hier bin ich, seht mich an! Ich kann aus mir die Sonne auf euch scheinen lassen. So hat jedes der sieben farbigen Bilder in diesem Buch etwas in sich – eine Geschichte oder mehrere -, über die wir nur mutmaßen können. Die Malerin bewegt sich in einer Hülle aus Farben, so wie sich die Dichterin in einer Hülle aus Worten begibt. Anders, als in Herstellung solcher Einsamkeit, könne sie nicht schreiben, bekennt Eva Strittmatter. Der Band »Seele seltsames Gewächs« ist in einem kleinen, künstlerisch hoch ambitionierten Verlag erschienen. Selbst wenn er keine bisher unveröffentlichten Gedichte enthielte, würde er etwas Besonderes sein. Durch besagte Bilder von Linde Kauert, aber besonders auch durch die Buchgestaltung von Heinz Hellmis, der auch die Auswahl besorgte.
Bekannte und unbekannte Texte Eva Strittmatters – einige werden auch handschriftlich wiedergegeben – sind mit Zitaten aus »Poesie und andre Nebendinge« zu einem neuen Ganzen gefügt: einem Bild von der Dichterin, das voller Verständnis, ja Liebe ist. »Seele seltsames Gewächs / Gegenblüte zum welkenden Leib« - so beginnt eines der schönsten Gedichte Eva Strittmatters, das dem Buch den Titel gab.Doch bei »eines der schönsten« stocke ich schon: Bin ich überhaupt zu solcher Hervorhebung imstande?»Dunkler Grund« oder »Sprachlos« treffen mich, das großartige »Anbeginn«, »Strahlung«… Schon blättere ich wieder im Band »Sämtliche Gedichte aus dem Aufbau-Verlag, der sehr viel, aber wie man sieht, doch nicht Sämtliches enthält. Es ist noch einiges da für Bewunderer von Eva Strittmatter in Schulzenhof.
Auch beim Lesen dieses Buches die momentate Irritation, dass die Texte nicht datiert sind – dabei könnte die Dichterin wahrscheinlich sogar sagen, an welchem Ort und aus welchem Anlass sie entstanden. Aber ich verstehe, dass die Entscheidung gegen die Zeitlichkeit auch von Belang ist, zielt ihr Bemühen doch darauf ab, Zeit anzuhalten, sich der Vergängnis entgegenzustellen. Dabei spürt man: Eva Strittmatter ist sich stets der Dialektik bewusst, dass dem Gewinn auch Verlust innewohnt, denn auch das Unreflektierte, dieses »Einfach leben« hat seinen Wert. In ihrem Gedicht »Vom Schreiben« bekundet sie Nähe zum alltäglichen Wort: »Ich will so deutlich schreiben,/ Daß die Leute an meinem Ort/ Meine Gedichte lesen/ Und meine Gedanken verstehn…«
Immer wieder Schmerz, Unmut, Unsicherheit, scheinbar »gerade heraus« bekannt, doch hinter dem Wort, das ganz genau gewählt ist, lebt noch etwas in Sprache Unauflösliches, das sich dann im Leser entfaltet, oft sogar unbewusst. Und dieses Geheimnis, das der Dichterin selbst immer wieder zum Erlebnis wird, hat tatsächlich nur wenig mit Jahrzehnten und Alter zu tun. Eine Frau, die lebenslang Harmonie ersehnte, übt sich im Widerstehen: gegen die Tristesse der Tage und gegen die eigene Anwandlung, dieses Alltägliche gering zu schätzen. - »Das nackte Leben und die Pflicht/ Sind das Beste, was wir haben«, schreibt sie in einem der bisher unveröffentlichten Gedichte – und doch zieht es sie…Wohin? »Das Meer ist ein Tier./ Es brüllt in den Nächten…«

Märkische Allgemeine Zeitung, 21. April 2009

Bücher in geistiger Saharawüste
VORGESTELLT Bleisatz-Bücher von Heinz Hellmis sind gedruckte Kostbarkeiten


Der Tag des Buches wird am 23. April von der lesenden Welt begangen. Der Grafiker Heinz Hellmis ist in dieser Welt zu Hause.

Von Marlies Schnaibel

Hennigsdorf/ Groß Glienicke! Mit der Holländischen Antiqua fing es an. Da gestaltete der Grafiker und Typograf Heinz Hellmis das kleine Büchlein »Das Wandbild«. Es enthielt chinesische Geister- und Liebesgeschichten, drei chinesische Schriftzeichen schmückten das Titelblatt. Das war ein hoher, schmaler Schriftzettel, der darin die Form asiatischer Schriftbänder aufgriff. Gedruckt war das achtseitige Bändchen auf einer Bleisatzmaschine, die Buchstaben der Sorte Holländisch Antiqua enthielt.
Das Heftchen entstand vor 45 Jahren als Beigabe für die Zeitschrift »Marginalien«, die gestaltete Heinz Hellmis für die Pirckheimergesellschaft, die in ihren Reihen die Freunde des schönen Buches vereint. »Sibi et amicis« - ein Spruch von Namensgeber Willibald Pirckheimer – steht als Motto über einer Buchreihe, die Heinz Hellmis herausgibt. Sibi et amicis: Für sich und die Freunde.
Für sich. Ja, Heinz Hellmis macht diese Bücher auch zu seiner eigenen Freude. Wenn er die konzipiert und nach Leipzig gibt; dort wird der Text aus gegossenen Bleibuchstaben gesetzt und im traditionellen Buchdruckverfahren in der Firma Offizin Haag-Drugulin hergestellt; dann wird das Heft von Hand gebunden und »mit buchkünstlerischen Mitteln« bereichert. Hellmis versieht jede Ausgabe mit einem anders gestalteten Etikett.
Viele solcher Büchlein sind inzwischen herausgekommen. Das jüngste in der Garde spricht von »Mördereien, Pestilenz und Bigamie«, es enthält »Nachrichten aus dem Fugger-Archiv«. Für die Überschriften hatte Hellmis hier eine Poliphilus-Antiqua ausgewählt, für den Grundtext eine Breitkopf-Fraktur.
Breitkopf-Fraktur. »Meine Lieblingsschrift«, gesteht Heinz Hellmis. Auch wenn er verstehen kann, dass sich viele mit Fraktur-Schriften schwer tun: Sie ist nicht so leicht zu lesen und sie ist politisch durch die Nazizeit belastet. Aber zu den Fugger-Nachrichten, die stammen aus den Jahren 1568 bis 1605, da passen sie. Eine andere Fraktur, die Andrae-Fraktur, wählte Heinz Hellmis aus, als er Gedichte des Barock in ein Heft bannte. Figuren- und Bildergedichte hatten im Barockzeitalter eine Blüte erlebt.
Die ganze Reihe ist eine Reihe von typografischen Kostbarkeiten. Ein Heft ist Sebastian Windprecht, dem blinden Bücher-Antiquar zu Augsburg gewidmet; Jean Pauls »Durst nach Büchern in geistiger Saharawüste« ist erschienen. Hans Fallada, Anna Seghers, Bertolt Brecht, Peter Rühmkopf – für jeden Autor fand der Grafiker eine zeitgemäße Typografie. Ursprünglich als Beigabe zur Zeitschrift Marginalien gedacht, gibt Heinz Hellmis sie inzwischen selbst gebunden heraus. 34 limitierte Ausgaben hat er in seinem Angebot. Als die Edition ZWIEFACH im Frühjahr auf der Leipziger Buchmesse einen eigenen kleinen Stand bestückte, da hat auch diese Bleisatz-Reihe neue Liebhaber gefunden. Getreu des Mottos »Für sich und die Freunde«.
Auf der Messe fand aber auch ein anderes Produkt mit der Handschrift von Heinz Hellmis neue Freunde. In einem sehr persönlichen Buch hatte die Edition Lyrik präsentiert. Unter dem Titel »Seele seltsames Gewächs« verband es Gedichte, Prosatexte und Handschriften von Eva Strittmatter, zeigte dazu Bilder von Linde Kauert.
Bücher haben sein ganzes Leben bestimmt. Bücher lassen ihn als Rentner nicht los. Heinz Hellmis, einstiger Künstlerischer Leiter des großen Aufbau-Verlages, kann und will es nicht lassen. Fuhr er früher von Hennigsdorf nach Berlin zur Arbeit, fährt er heute nach Groß Glienicke. Hier hat die Verlegerin und Malerin Linde Kauert ihr Atelier, mit ihr betreibt Heinz Hellmis die Edition ZWIEFACH.
Aus dem Strittmatter-Buch »Seele seltsames Gewächs« könnte vielleicht mehr werden. Andere Künstler sind darauf aufmerksam geworden. Gegenwärtig hat sich Heinz Hellmis deshalb in die Texte von Richard Pietraß vertieft.
In der Edition ZWIEFACH ist in den letzten Jahren eine stattliche Sammlung Bücher erschienen, die sich auf dem Buchmarkt durch ausgefallene Typografie zu behaupten wissen. Heinz Hellmis scheint übervoll mit Ideen zu sein.

Märkische Allgemeine Zeitung, 18.August 2009

Köchin poussiert, Hund beisst
von Marlies Schnaibel

Buch Neuauflage für „Das Paradies Oberhavel“

Oberhavel„Hier gut gelandet. Mit Gutsköchin poussiert. Großer Hund mich gebissen. Sonst geht´s gut.“ So schrieb W. Bolle 1901 an seinen Freund Ernst in Spandau. Abgesandt hatte er den Kartengruß in Nieder Neuendorf.
Nachzulesen sind diese und andere Zeilen im neu aufgelegten Buch „Das Paradies Oberhavel“. Der in Hennigsdorf und Spandau agierende Verlag Edition ZWIEFACH hat das Werk von Johannes Bronkhorst neu auf den Buchmarkt gebracht. Seit gestern liegt es auf dem Tisch. Der Hennigsdorfer Wolfgang Hammer hatte 2004 mit dem damals schon schwerkranken Johannes Bronkhorst die Erstausgabe ermöglicht und stellte der Edition ZWIEFACH nun das Manuskript zur Verfügung. Für die Neuauflage gaben die Verleger dem Text mehr als einhundert Abbildungen bei, verpassten dem Ganzen ein frisches Layout und einen leichten überarbeiteten Textstil. Die Reihe der historischen Postkarten und Fotografien wird ergänzt durch vier passende Landschaftsbilder des Hennigsdorfer Malers Harry Schied.
Der gebürtige Niederländer Johannes Bronkhorst (1936 – 2004) wurde erst als Rentner zum Historiker. Nach dem Tod seiner Frau hatte der einstige Bauleiter 1999 begonnen, die Geschichte Nieder Neuendorfs zu erforschen. Von dort stammte seine Frau Ilse, von dort hatte sie ihn stets viel vorgeschwärmt.
Das Buch „Paradies Oberhavel“ schlägt eine Brücke über die Havel. Dabei taucht der Autor vor allem in die Geschichte der Ausflugsgaststätten der Region ein. Allen voran der ehemalige Dorfkrug, der als Gasthaus Marzahn von sich reden machte. Die nach 1880 aufblühende Personendampferschifffahrt und die Spandau-Bötzower Eisenbahn brachte die Gäste aus Berlin, Charlottenburg und Spandau ins Umland. Die Sommerfrische war gefragt. 1908 beförderte die „Spree Havel Dampfschifffahrtsgesellschaft Stern“ allein zwischen Spandau, Tegel, Heiligensee und Nieder Neuendorf an dreihundert Betriebstagen mehr als eine Million Passagiere, das waren zur Sommerzeit täglich sechs- bis achttausend Ausflügler in Oberhavels Wälder und Auen. Die wollten auch versorgt sein, ein Trend, den die großen Brauereien bald erkannten. Patzenhofer sicherte sich das Nieder Neuendorfer Gasthaus Marzahn.
Dessen Alleinherrschaft dauerte bis 1897, dann öffnete auch die Familie Engelhardt eine Restauration. Weitere folgten: Havelschloß und Eichenhain in der Kolonie Papenberge, Schützenhaus und Tivoli auf Heiligenseer Seite.
Die Geschichten dieser Gasthäuser, zu denen auch das „Wachlokal“ der stationierten Militärs gehörte, hat der Autor detailreich und anschaulich erzählt. So macht es Spaß, in dem Buch zu blättern und zu lesen.

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